Während meiner Schulzeit gab es tatsächlich verschiedene Fächer, die mich wirklich interessiert und meine Aufmerksamkeit geweckt haben. Damit meine ich jetzt nicht den Sportunterricht, sondern durchaus Teilbereiche der Biologie oder auch der Erdkunde. So hat mich beispielsweise die Evolutionsgeschichte des Homo Sapiens, die Hominisation, besonders angesprochen. Die äußerliche Veränderung bzw. Anpassung des Menschen auf dem Wege vom Jäger und Sammler zum sesshaft gewordenen Fleischfresser. Die Schritte vom gebückten Pflanzenpflücker zum aufrecht gehenden Mammutjäger mit erweitertem Blickfeld; die Veränderung des Gebisses vom ‚Wurzel-‚ zum ‚Fleisch- oder Allesfresser‘; die (Rück-) Entwicklung rudimentärer Körperteile, z.B. das Steißbein, die Rückenbehaarung, die Eckzähne und Brustwarzen… ; all diese Veränderungen zeugen von der Anpassung des Menschen an einen durch ihn selbst veränderten Lebensraum.

Und warum erzähle ich Ihnen das alles? Seit der Umsetzung des EU-Erlasses im Juni 2024 bzgl. der ‚Tethered Caps‘ (fest verbundene Verschlüsse an Einweg-Getränkeflaschen) denke ich darüber nach, ob sich der Mensch langfristig auf diesen Unfug einlässt und sich eventuell die Gesichtsarchitektur oder zumindest die Oberlippenform daran anpassen wird. Bei jedem Trinkvorgang wird dem Körper wegen des schräg abstehenden Drehverschlusses akrobatische Höchstleistung abverlangt.

Nahezu in jeder Nacht, wenn ich schlaftrunken aus meiner 0,5 Liter PET-Flasche trinke, besabbel ich mein Schlafshirt oder das obere Drittel meiner Bettwäsche. Nach dem unbeholfenen Trinkdesaster folgt die unwürdige technische Höchstleistung, im Halbschlaf bei nahezu völliger Dunkelheit das Plastikkäppchen wieder funktionsfähig auf das Gewinde des Drehverschlusses zu Friemeln (zur Erläuterung lt. Wiktionary: sich konzentriert mit kleinen Bewegungen, mit Fingerspitzengefühl, an etwas zu schaffen machen. Sinnverwandte Wörter: basteln, bosseln, fingern, fischen…). Zu gerne würde ich diesen Akt mittels Infrarot-Nachtsicht-Kamera bekunden, um in ernsthaften Momenten vergnügliches Bildmaterial zur Erheiterung zu haben. Ich könnte mir vorstellen, ich sähe dabei aus wie Tom Hanks im ‚Da Vinci Code‘, wenn er die komplizierten Zahlenringe des Kryptex verdrehen muss, um das olle Ding zu öffnen – nur halt andersherum.

Wie lange mag es dauern, bis sich das menschliche Gesicht oder gar die Schädelform an die ‚Tethered Caps‘ gewöhnt haben? Vor ca. 30 Jahren war ich für zwei Wochen im arabischen Jemen, wo sich ab mittags nahezu alle männlichen Bewohner einem berauschenden Grünzeugs zuwenden, indem sie die Blätter des Qat- (oder Kath-) Strauches zerkauen und in Tischtennisball großen Kugeln in einer Backentasche horten. Man (oder besser Mann – den Frauen ist dieser Genuss streng untersagt) verfällt in eine lethargisch, apathische ‚Chill-out Phase‘, in der man sich der Wasserpfeife und dem tatenlosen Müßiggang zuwendet. Wenn nach stundenlangem ‚Wiederkäuen‘ die ausgelaugte grüne Kugel ausgespien wird (bitte nicht hinschauen!), bleibt eine deutlich erkennbare Backenauswölbung zurück, die ich als Nichtmediziner mit dem Fachbegriff ‚Schlupfbäckchen‘ bezeichnen würde. Bei den älteren Semestern, die dieses Rauschmittel schon seit Generationen täglich konsumieren, meine ich schon am Vormittag eine leere Backentasche gesehen zu haben. Vielleicht ist das ja wie bei den Giraffen, bei denen im Laufe der Evolution der Hals auch immer länger geworden ist…

Jetzt muss ich ja zu meiner eigenen Rettung wieder ein Plädoyer zu der Sinnhaftigkeit dieser Umweltschutzmaßnahme formulieren, damit Sie nicht denken, ich werfe diese Getränkekäppchen achtlos aus dem Autofenster. Natürlich befürworte ich jede Art von Ressourcen-Einsparung und Müllvermeidung. Nur wird die Müllmenge nicht weniger, bloß weil das Käppchen an der Flasche verbleibt. Es fliegt nur nicht für sich in der Gegend rum und lässt sich an der Flasche einfacher recyceln. Vielleicht hält die Politik uns aber auch nur zum Narren, weil man uns erzählt, man hätte das Müllaufkommen um die Hälfte reduziert. Eine Flasche mit anhängendem Verschluss wird in der Statistik als ein Müllteil gezählt, eine Flasche mit separatem Deckelchen hingegen als zwei.

Klingt komisch – ist aber so!

Ihr Gregor Kelzenberg