Wer als Deutscher in einem niederländischen Lokal etwas bestellt, wird schon zurechtkommen. Wer das Ganze aber in Landessprache erlebt, bekommt nicht nur etwas zu essen, sondern auch den Respekt des Kellners.
Neulich, im Strandcafé an der niederländischen Nordsee. In einem dieser proppenvollen Touristenorte, in denen es in den Ferien gefühlt wahrscheinlicher ist, einen Menschen aus dem Heimatort zu treffen als jemanden aus Zeeland. Ich weiß nicht, ob man uns ansehen konnte, dass wir Deutsche waren, und ich glaube nicht, dass der Kellner gehört hat, wie wir uns zuvor auf Deutsch unterhalten haben. Jedenfalls kommt er an unseren Tisch und fragt mit diesem wunderbaren Marijke-Amado-Akzent, aber auf Deutsch: „Wollt ihr was trinken?“
Schon seit Jahren beschäftigt es mich, dass wir in unser Nachbarland reisen und dort wie selbstverständlich in unserer Muttersprache reden. In Roermond ist das so, in Venlo auch, aber auch oft in Renesse, Domburg oder auf Texel. Natürlich hat das seine Geschichte, haben niederländische Schüler meist auch Deutsch-Unterricht, weil man das eben brauchen kann. Und bei uns? Immerhin gibt es Niederländisch seit gut zwei Jahrzehnten an vielen Schulen im Grenzgebiet als Wahlfach, aber keinesfalls verpflichtend.
Jedenfalls hatte ich mich vorbereitet auf die Frage meines Kellners, allzu überraschend war sie ja auch nicht gekommen. Hatte seit meinem letzten Niederlande-Urlaub einen Volkshochschulkurs ‚Niederländisch Basis I + II‘ belegt. Das Drücken der Schulbank wirkte ein wenig Old-School, aber dennoch habe ich mich gefragt, wieso das unglaublich breit gefächerte Angebot der VHS so unter dem Radar läuft und ein wenig aus der Zeit gefallen wirkt. Alles Vorurteile! Der Kurs war so nett wie der Dozent, und unterstützt habe ich das Niederländisch-Wissen mit dem täglichen Pauken der Sprache via Sprach-App. Das Handy hat man sowieso permanent in der Hand – und das Belohnungssystem, wenn ich wieder mal meine tägliche Lektion erfüllt habe, motiviert mich wie bei einem Spiel, dranzubleiben.
Ich grinse den Kellner also voller Vorfreude an und schleudere ihm auf seine deutsch formulierte, freundliche Bestellungs-Aufforderung ein souveränes und oftmals geübtes „Een kopje koffie en een appeltaart, alstublieft“ entgegen. Nun muss man kein Raketenwissenschaftler sein, um sich einen solchen Satz draufzupacken, und ganz sicher wird es zig Million Menschen geben, die Niederländisch besser können als ich. Dieser eine Satz hat aber für ein kurzes, anerkennendes Lächeln beim Kellner gesorgt. Wer eine Sprache lernt, hat der algerische Übersetzer Mouloud Benzadi einmal gesagt, der lernt nicht nur eine Sprache zu sprechen und zu schreiben. Sondern auch, aufgeschlossen, liberal, tolerant, freundlich und rücksichtsvoll zu sein.
Genau darum geht es doch. Auch in einer Zeit, in der man nur in ein Handy sprechen muss und eine App das Gesagte wie gewünscht übersetzt. Sich mit der Sprache seines Gegenübers zu beschäftigen, heißt immer auch, sich mit einer anderen Kultur auseinanderzusetzen. Auch wenn die Landesgrenze nur einen Dutzend Kilometer entfernt verläuft. Oder gerade deswegen
Sven Platen




