Erinnern Sie sich noch an die langwierigen Sitzungen beim Optiker, der einem ein multifunktionales Brillengestell an den Schädel montiert hat, um analog mit endlos verschiedenen Linsen die richtige Sehstärke zu bestimmen? Man saß ängstlich wie damals der Schimpanse haben auf seiner Weltraum-Mission in dem Schleudersitz und starrte gebannt auf die immer kleiner werdenden Zahlen oder Kreise, die angeblich oben, unten, rechts oder links eine Öffnung haben sollten.
Heutzutage glotzt man mit eingespanntem Kopf auf einen modernen Monitor und betrachtet größer oder kleiner werdende Heißluftballons. Jedenfalls fühlte ich mich im zurückliegenden Urlaub mehrfach an diese ‚So besser oder so besser‘ Sitzungen erinnert, als ich meine Frau beim Shoppen in diese schönen kleinen Boutiquen in den pittoresken Altstadtgassen ägäischer Inseldörfer begleitet habe. Ich bleibe dann meist im Eingang unter dem Pustemann stehen und genieße den ungesunden Unterschied zwischen 35 Grad Außen- und 20 Grad Innentemperatur. Nach wenigen Griffen in die Auslage geht dann das Fragespiel los: „Findest du diesen Bikini hier schöner (linke Hand) oder diesen hier (rechte Hand)?“ Meine diplomatische Antwort lautet meistens: „Mir gefällt sowohl der eine als auch der andere, nimm doch beide mit“. „Das ist wieder typisch. War ja klar. Nur ja keine Entscheidung treffen und dann hinterher doch meckern …“ „Aber du hast mich doch gefragt.“
So oder so ähnlich wiederholen sich unsere Dialoge dann im Schuh Geschäft, in einem Laden mit chicen Sonnenbrillen und in einer hübschen Boutique neben der Taverne am Dorfplatz mit Hand gemachten Strohtaschen zum Preis eines E-Bikes. (Wären diese Taschen wirklich alle ‚handmade‘, hätte Griechenland mit Sicherheit eine deutlich bessere Arbeitslosenstatistik. Eine Computergesteuerte Stickmaschine in einem dunklen chinesischen Keller macht bestimmt 80 Taschen pro Stunde mit dem handschriftlichen Slogan (ins Deutsche übersetzt): ‚Nimm nur Erinnerungen mit, hinterlasse nichts außer Fußspuren‘. Am Ende kauft mein Schatz sowieso nichts – hatte aber fast alles in der Hand und die charmante Verkäuferin mit 100 Fragen belagert.
Entscheidungs-Eskalation dann im Kitsch-Laden hinsichtlich der Mitbringsel für unsere Enkeltöchterchen. Fräulein A wünscht sich pinkfarbene Einhorn-Ohrstecker, Madame B hingegen Flip-Flops mit Königin Elsa-Motiv. Clever wie ich bin, habe ich mich gegenüber zu einem Ouzo mit begleitenden Häppchen eingeladen. Über die Straße hinweg hält meine Frau verschiedenste Artikel hoch und ich nicke nur in der Hoffnung, keine Einschätzung abgeben zu müssen. Der Endgegner ist dann ein Laden, in dem man verschiedenste Klamotten kaufen kann (T-Shirts, Hoodies, Kappen usw.), deren Farbe, Stoffart und Größe man festlegt, um sie dann mit einem Motiv nach Wahl bedrucken zu lassen. „Schatz schau mal, für unseren Enkel das mit dem Oktopus auf dem Mofa in Beige oder lieber das taupe-farbene mit dem Fagott spielenden Thunfisch?“ „Das mit dem Oktopus ist doch ganz nett.“ „Das gäbe es aber auch mit Kapuze und dann in Apricot mit zweifarbigem Bündchen …“ „Auch schön.“ Hätte ich doch noch einen Ouzo bestellt.
Am nächsten Abend sitze ich mit meiner Frau am Hafen in einer urigen Taverne und studiere die Tageskarte bei einem kalten Glas Wein. Ihr fällt in unmittelbarer Nähe ein Laden auf, in dem ein geschickter Kunsthandwerker aus allerlei Schrott, Alltagsgegenständen und Treibholz hübsche Mitbringsel zu nicht ganz so hübschen Preisen anbietet. „Da geh‘ ich aber mal gucken. Bestell mir einfach ’nen Salat.“ Vier Gläser Wein später kommt sie mit glücklichem Gesichtsausdruck zurück und verkündet freudestrahlend, wuuunderschöne Armbänder für unsere Töchter gefunden zu haben. Wegen der Farbauswahl der Bändchen, deren Flechtstil und der verschiedenen gold- oder silberfarbenen maritimen Tierchen, die daran baumeln sollen, müssen wir gleich unbedingt noch mal dahin. Habe mir dann einen griechischen Kaffee bestellt, der die Wirkung von fünf Dosen Red Bull hat. Es wird bestimmt noch ein langer Abend …
Ihr
Gregor Kelzenberg



