Aufreißen, sortieren, einkleben: Eine Liebeserklärung an Fußball-WM-Klebebildchen

Wo ist Litti? Die Verzweiflung ist so groß, wie sie bei einem elfjährigen Jungen kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft nur groß sein kann. Wir schreiben das Jahr 1990. Es ist Sommer, und dass in Deutschland mit der Wiedervereinigung gerade Welthistorisches geschieht, ist mir gerade herzlich egal. Ich habe gerade größere Probleme. Ich sitze in meinem Kinderzimmer am Schreibtisch, das offizielle Klebebildchen-Sammelalbum der WM aufgeschlagen vor mir liegen und klebe Seite für Seite neue Spieler-Bildchen hinein.

Wieder einmal habe ich zwei D-Mark zum Zeitschriftenhändler gebracht, dafür gab es vier Tütchen mit je sechs Bildern. 24 neue Bilder also für das Album, das Woche für Woche, Tag für Tag voller wird. Ob ich jemals alle 448 verschiedenen Bilder im Album haben werde, weiß ich nicht. Je voller das Album wird, desto mehr Doppelte habe ich in den Tüten. Aber ich habe ein anderes Ziel: Ich möchte zumindest gern die Doppelseite mit den deutschen Spielern komplett haben. Lothar Matthäus habe ich, Jürgen Klinsmann auch und all die anderen. Aber nicht Pierre Littbarski. Das Feld, auf dem die Bildnummer 263 vermerkt ist, bleibt unbeklebt. Das ist 36 Jahre her, und Deutschland ist ja auch trotzdem Weltmeister geworden (mit Littbarski übrigens).

Kürzlich musste ich an diese Geschichte denken, als ich eine Werbung für Sammelbildchen zur WM 2026 gesehen habe. Sofort war mir meine Leidenschaft wieder präsent, mit der ich damals die Bilder gesammelt habe. Und nicht nur ich, sondern Millionen andere Kinder und Erwachsene seit der WM 1970 auch. In einer Welt, in der alles digital wird, kleben die Menschen also auch heute noch gerne Sticker in ein Album. Und zwar ganz schön viele: Der italienische Sticker-Hersteller Panini trägt dem riesigen Teilnehmerfeld bei der WM (erstmals sind 48 Teams dabei) Rechnung; das Sammelalbum wird knapp 1.000 Aufkleber umfassen! Ein teurer Spaß, denn auch die Bilder sind mittlerweile fünfmal so teuer.

Und trotzdem denke ich wehmütig an damals. Wie ich Mama und Papa noch mal zwei Mark aus den Rippen geleiert habe. Wie ich auf dem Schulhof Doppelte getauscht habe („Ich gebe dir vier Schotten für einen Maradona“) und wie ich mit meinen Kumpels Verschwörungstheorien aufgestellt habe, was Häufigkeit und Verteilung von Aufklebern in den Tüten angeht. Wie ich mich vor dem WM-Turnier auf die verschiedenen Kader vorbereitet und Trikotfarben studiert habe. Und wie mein komplettes Kinderzimmer im Chaos versunken ist, mein Panini-Album aber sorgsam gehegt und gepflegt wurde.

Das mit Litti werde ich übrigens jetzt erledigen: Auf der Seite von Panini kann man fehlende Bilder nachbestellen. Auch noch Bild 263 von der WM 1990.

Sven Platen