Fahrräder bewegen sich nur durch Muskelkraft, dachte unser Redakteur – bis er sich in den Ferien plötzlich auf einem Pedelec wiederfand

Ja, auch ich habe sonntags auf dem viel befahrenen Radwanderweg über Pedelec-Fahrer geschmunzelt – und geflucht. Habe mich über so manchen radelnden Senior geärgert, über diese eigenartige Mischung aus Tempo und Unsicherheit. Und über Jugendliche, die mit ihren Speed-Pedelecs rücksichtslos vorbeiziehen. Und ja: Ich erinnere mich gut daran, dass ich E-Bikes auch schon mal abfällig als ‚Rentner-Drohnen‘ bezeichnet habe.

Diese Spötteleien wirken plötzlich erstaunlich weit weg, als ich mich im Urlaub in den niederländischen Dünen wiederfinde. Frühlingssonne im Gesicht, Wind in den Haaren – und ein elektrifiziertes Zweirad unter mir.

Der Fahrradverleiher unseres Vertrauens hatte nur noch ein paar E-Mountainbikes auf dem Hof stehen; klassische Hollandräder schien er gar nicht mehr anzubieten. „Probier’s aus – wird dir gefallen!“, sagte er mit einem Lächeln und diesem unverwechselbaren niederländischen Akzent. Und hat mich damit angefixt.

Denn wenn ich ehrlich bin: Auch wenn Fahrradfahren für mich gern mit Anstrengung, Schweiß und vielleicht sogar Muskelkater verbunden sein darf – diese leise, surrende Unterstützung nehme ich nur zu gern an. Man wird schließlich nicht jünger. Und ist ja auch im Urlaub.

Je weiter sich der Dünen-Radweg nach oben schlängelt, desto schneller schmilzt meine Skepsis – und macht einer wachsenden Begeisterung Platz.

Gedanklich bin ich da längst wieder zu Hause: Könnte ich die zehn Kilometer zur Arbeit nicht auch auf zwei Rädern zurücklegen? Verschwitzt im Büro anzukommen, war bislang ein Ausschlusskriterium. Aber mit ein wenig elektrischer Hilfe? Warum eigentlich nicht.

Mit solchen Überlegungen liege ich übrigens voll im Trend. Denn das Pedelec ersetzt gerade im Alltag immer häufiger nicht das klassische Fahrrad – sondern das Auto. Kurze Strecken, schnell in die Stadt: Immer öfter geht es auf zwei statt auf vier Rädern. Eine Studie der Uni Wuppertal zeigt, dass jede zweite Pedelec-Fahrt andernfalls mit dem Auto zurückgelegt worden wäre.

Die Gründe liegen auf der Hand: Die Fahrradinfrastruktur wird besser, die Technik ausgereifter, die Räder leichter. Und das Argument, mit wenig Anstrengung komfortabel voranzukommen, setzt sich zunehmend durch.

Am Ende des Tages muss ich meine ‚Rentner-Drohne‘ wieder abgeben. Eigentlich schade – wir hatten uns gerade erst aneinander gewöhnt. Das Pedelec wird wieder auf dem Hof abgestellt und wartet dort auf den nächsten Mieter. Und ich gehe ins Ferienhaus zurück. Denn für den Abend habe ich noch etwas vor: googeln, wo man sich so ein Ding kaufen kann.

Sven Platen