Immer weniger Menschen sprechen Dialekt. Warum Platt dennoch eine Zukunft verdient – und welche Initiativen es gibt.
Wohl jeder im Urbano-Sektor hat schon einmal den ‚Papp auf‘ gehabt oder ‚Kappes vertällt‘. Zumindest weiß fast jeder, was diese Begriffe aus dem Mönchengladbacher Platt bedeuten. Die wenigsten dürften allerdings wissen, dass der Mönchengladbacher Dialekt sprachwissenschaftlich dem Südniederfränkischen zugeordnet wird – mit Einflüssen aus dem Limburgischen und, natürlich, dem Niederländischen.
Doch das niederrheinische Platt ist vom Aussterben bedroht. Vor allem auf dem Land haben selbst junge Erwachsene früher noch Platt gesprochen – einfach, weil Eltern und vor allem Großeltern so geredet haben. Beim sonntäglichen Kaffee bei Oma verstand man vielleicht nicht jedes Wort, aber doch genug, um die eine oder andere klangvolle Redewendung in den eigenen Wortschatz zu übernehmen. So etwa das ‚Papp aufhaben‘. Wer heute etwa 50 Jahre oder älter ist, ist mit solchen Ausdrücken aufgewachsen. Jüngere Generationen dagegen kaum noch. Dabei spielt es keine Rolle, ob zu Hause Krieewelsch, Jläbbisch oder Kölsch gesprochen wurde.
Früher hatte gefühlt jedes Dorf, ja fast jeder Kirchturm, seine eigene sprachliche Färbung. Mit der Modernisierung nach dem Zweiten Weltkrieg rückten die Orte – und mit ihnen auch die Sprache – immer näher zusammen. Radio und Fernsehen, später das Internet, sorgten dafür, dass sich die Umgangssprache zunehmend anglich und immer stärker am Hochdeutschen orientierte. Schade eigentlich.Umso erfreulicher ist es, dass sich heute an verschiedenen Stellen junge Menschen dafür einsetzen, den Dialekt lebendig zu halten. Etwa mit Aufrufen und Diskussionen in den sozialen Netzwerken: „Welche Begriffe und Redewendungen von euren Großeltern kennt ihr noch?“
Oder mit einem Online-Wörterbuch wie ‚Dat Portal‘, das der LVR ins Leben gerufen hat. Sprachforscherinnen und Sprachforscher des Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn haben dort eine beeindruckende Sammlung niederrheinischer Begriffe von ‚Aap‘ bis ‚Zackich‘ alphabetisch zusammengestellt.
Auch das Mönchengladbacher Team vom Platt-FormShop trägt seinen Teil dazu bei. Mit T-Shirts, die Aufdrucke wie ‚Lott jonn‘, ‚Rheer Mädsche‘ oder ‚Alles Tinnef‘ tragen, bringen sie den Dialekt ganz selbstverständlich in den Alltag.
Eine besonders schöne Initiative stammt vom Kempener Achim Evertz. Auf seiner Internetseite ‚Kempsch Platt‘ sammelt er Begriffe und Redewendungen aus Kempen. Als besonderes Bonbon erzählen dort Menschen aus der Stadt, welche Sätze im Kempener Platt sie besonders geprägt haben. Eine der Befragten bringt es dabei wunderbar doppeldeutig auf den Punkt: „Loet se ens kalle.“ – Lass sie reden. Und am besten: immer mal wieder auf Platt.
Sven Platen



