Wonach wir Deutschen uns so unaufhörlich sehnen – und was uns ein radelnder Italiener über das Leben beibringen kann.
Ein Nachmittag am Gardasee. Schnaufend quäle ich mich mit dem Rennrad den leichten Anstieg auf der Panoramastraße von Malcesine hoch. Die Aussicht auf den blau schimmernden See ist traumhaft, und trotz der von Olivenhainen, Natursteinmauern und Zypressen geprägten Postkarten- Kulisse sehne ich mich dem Gipfel und somit der nächsten Trinkpause entgegen. Eine Portion Sport im kalorienintensiven Urlaub ist eine willkommene Abwechslung zu Gelato, Pizza und Pasta und soll ja eigentlich auch Spaß machen. Aber: Als Deutscher bedeutet Sport für mich ganz klischeehaft immer auch Wettkampf und als Flachland-Niederrheiner selbst der kleinste Berg: Kampf, Arbeit, Schwere.
Es ist ein fröhliches, sich von hinten annäherndes Pfeifen, das mich herausreißt aus meinem Schnauf-Modus. Nur ein paar Sekunden vergehen, bis mich dieses Pfeifen von links locker-lässig überholt. Es kommt aus dem Mund eines Italieners, schätzungsweise 20 Jahre älter als ich. „Buongiorno!“, wirft er mir freundlich-lächelnd zu, und dass er tatsächlich mit freiem (natürlich nahtlos gebräunten) Oberkörper auf dem Rad sitzt und recht zügig davon rauscht, macht die Sache irgendwie rund.
Diese Begegnung hat mich lange Zeit nicht losgelassen. Nicht etwa, weil mir ein Mitt-Sechziger ganz entspannt meine sportlichen Grenzen aufgezeigt hat – ich bin schließlich nur ein Gelegenheitsradler, so etwas passiert häufiger. Sondern es ging um die Haltung, diese Lässigkeit, die Freude, die dieser Mensch ausgestrahlt hat.
Nach dieser lässigen Eleganz sehnen wir uns. Begegnungen mit solch tiefenentspannten Menschen, wie man sie in Italien zuhauf trifft, ist einer der Gründe, wieso wir so gerne dorthin fahren. Man könnte ungleich mehr aufzählen: das unvergleichliche Essen, die zeitlose Mode, das verlässliche Wetter, die architektonischen Meisterwerke der geschichtsträchtigen Städte, die manchmal emotionale, manchmal kitschige Musik, das Theater und der Film. All die Dinge eben, die das Leben abseits des reinen Funktionierens so lebenswert machen und die sich weltweit so treffend unter dem Begriff ‚La Dolce Vita‘ zusammenfassen lassen.
‚Das süße Leben‘ übersetzt ‚La Dolce Vita‘ nur wörtlich. Denn gutes Essen, gutes Wetter und schöne Kunst gibt es auch anderswo. Aber wohl niemand weiß die schönen Dinge durch eine positive Lebenseinstellung so zu schätzen und so zu zelebrieren wie die Italiener – genussvoll, spontan und elegant.
Natürlich sind zwei Wochen am Gardasee nicht mit dem Alltag daheim am Niederrhein zu vergleichen. Das wissen wir alle. Aber dennoch sehnen wir uns nach der Heimkehr schmerzlich danach, mehr aus diesem Lebensgefühl in unseren eigenen Alltag hinüberzuretten als nur ein paar kitschige Souvenirs, ein neues Olivenöl und sechs staubige Flaschen Wein im Kofferraum.
Es geht um das Gefühl. Denn wieso sollte man nicht – trotz des vollen Terminkalenders – ab und an ein ganz normales Abendessen unter der Woche zum Fest mit Freunden machen; mit guten Getränken und Gesprächen. Sich häufiger bewusst elegant kleiden, um ‚Bella Figura‘ zu machen. Oder auch das süße Nichtstun ohne schlechtes Gewissen genießen – eine Tätigkeit, die die Italiener mit eigener Vokabel zur Kunstform erhoben haben: ‚Il dolce far niente.‘
Natürlich ist auch in Deutschland nicht alles organisiert wie ein Uhrwerk. Und ‚La Dolce Vita‘ als Versprechen auf die Leichtigkeit des Seins auch ein Spiel mit den Klischees. Aber dieses Konstrukt hilft uns als kollektiver Sehnsuchtsbegriff. Es dient uns als dringend benötigtes emotionales Gegengewicht zu unserem eigenen Perfektionismus, zu Pünktlichkeit, Effizienz, ewigem Regenwetter und der permanenten, anstrengenden Selbstoptimierung.
Denn wenn ich ganz ehrlich zu mir bin: Selbst meine scheinbar spontane Radroute am Gardasee habe ich am Vorabend akribisch auf dem Computer geplant. Während der Fahrt starre ich immer wieder auf den kleinen Fahrradcomputer am Lenker, zeichne die Strecke sekundengenau über GPS auf, damit ich später via App schwarz auf weiß sehe, welche Durchschnittsgeschwindigkeit ich erreicht habe, wie hoch mein Puls war und wie viele Höhenmeter ich bezwungen habe. Was für ein absurder Unsinn im direkten Kontrast zu diesem eigentlich nicht messbaren, entschleunigenden italienischen Lebensgefühl, das doch direkt neben mir stattfindet.
‚La Dolce Vita‘ ist nicht greifbar und in Nuancen für jeden etwas anderes. Für mich perfekt verkörpert durch den gut gelaunten Radsportler, der den Anstieg der Strecke mit einem charmanten Lächeln und einem Pfeifen quittiert, statt zu klagen. Nicht wie ein Hamster im Hamsterrad, sondern wie ein freier, glücklicher Gipfelstürmer, der genau wusste, dass das süße Leben nicht erst am Ziel beginnt – sondern schon auf dem Weg.
Sven Platen



