Würde in Mönchengladbach eine Daily Soap gedreht, wäre René Heyers Laden die perfekte Kulisse dafür. Man kann sich gut vorstellen, wie die Protagonisten zu ihm kommen und über Liebe und Weltschmerz reden, während er an der Theke steht und Schuhe poliert. Oder gerade die Nähte an einem schönen Lederschuh neu zieht. So aber arbeitet der Schuhmachermeister ganz ohne Kamera und macht aus so manchem alten Treter wieder einen Jungschuh.

Ob man ihn als Schuster oder als Schuhmacher bezeichnet, ist Heyer egal. „Schuster ist der alte Begriff“, sagt der 55-Jährige. Er ist die dritte Generation, die den Eckladen an der Aachener Straße/Barbarossastraße führt. Sein Großvater Hermann Heyer hat das Geschäft 1938 in Viersen gegründet, sein Vater Helmut Heyer zog damit in den 1970er Jahren nach Mönchengladbach. Sohn René ist in der Werkstatt quasi aufgewachsen. „Ich wollte schon immer Schuhmacher werden“, sagt er. „Und bei meinem Bruder war es relativ schnell klar, dass er es nicht macht.“

Was fasziniert ihn an Schuhen? „Die Geschichten, die sie erzählen“, sagt Heyer. Gerade ist wieder eine Kundin mit einem Beutel voller Geschichten zu ihm gekommen. Für die Creeks im Leopardenmuster, die sie vor einigen Jahren auf dem Flohmarkt gekauft hat, lohnt sich eine Reparatur nicht mehr. Aber für die eleganten Lederschuhe sieht Heyer noch eine Zukunft. Fünf Paar Schuhe bleiben schließlich in seiner Werkstatt.

Das Spektrum des Schuhmachermeisters reicht von der einfachen Besohlung bis zur vollständigen Aufarbeitung von Schuhen. Der Kunde, der die Wanderschuhe abholt, freut sich darüber, dass die bröselige Sohle ersetzt wurde und ihn die Schuhe nun wieder durch den Bergurlaub tragen werden. Heyers Ruf als ‚Schuh-Erwecker‘ geht weit über Mönchengladbachs Grenzen hinaus. Aus Polen, Estland, Österreich, der Schweiz oder Schweden werden ihm Schuhe zur Reparatur geschickt. Oft mit einem Schreiben, in dem kurz deren Geschichte erzählt wird. So wie bei den Stiefeln einer namhaften Künstlerin aus Berlin: Die Stiefel habe einst ihre Oma getragen, ob Heyer die wieder hinbekommt?

Besonders schöne Arbeiten postet der Schuhmachermeister auf Instagram mit Vorher- und Nachher-Bildern. „Für mich ist ein hochwertiger Schuh kein Verbrauchsartikel, sondern ein schützenswertes Kulturgut“, sagt der 55-Jährige. Entsprechend geht er mit Liebe an sein Werk, das für ihn neben Handwerk auch Kunst ist.

Das spiegelt sich auch in seiner zweiten Leidenschaft wider: René Heyer sammelt Kunst. Seine Kunstwerke haben bevorzugt mit Schuhen zu tun. So wie der Deutsche Darstellerpreis aus dem Nachlass von Otto Sander. Der Preis ist ein Bronzeguss eines getragenen Schuhs von Charlie Chaplin. Sander bekam ihn 1989 verliehen.

Seine Schuh-Kunst-Leidenschaft hat ihn bis ins Schloss Bellevue zu Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gebracht. Für die Ausstellung ‚Hand in Hand‘ hat Heyer aus seiner Sammlung eine Arbeit von Hans Salentin ausgeliehen. Das Foto von der Eröffnung mit dem Präsidenten hängt in der Galerie seiner Werkstatt. Direkt neben dem mit Dame Edna. Aber das ist eine andere Geschichte.

Garnet Manecke

www.heyerundsohn.de