Darf man sich trotz unguter Rahmenbedingungen auf die Fußball-WM freuen? Unbedingt, meint die Urbano-Redaktion!

Krisen und Kriege in der Welt, die USA ‚dank‘ ihres Präsidenten Donald Trump als fragwürdiger Gastgeber für das eigentlich Völker verbindende Event – es gibt genug Gründe dafür, sich nicht unbedingt auf die diesjährige Fußball-Weltmeisterschaft zu freuen. Es gibt aber noch viel mehr Gründe, sich eben doch den Zeitraum vom 11. Juni bis zum 19. Juli im Kalender zu markieren und in Richtung USA, Kanada und Mexiko zu schauen.

Die DFB-Elf hat was vor

„Wir wollen Weltmeister werden!“ Es war vermutlich eine Mischung aus Trauer, Trotz und Überzeugung, die Bundestrainer Julian Nagelsmann dazu bewogen hat, nach dem bitteren (und durch eine zweifelhafte Handelfmeter-Entscheidung bedingten) Aus gegen Spanien optimistisch in die Zukunft zu schauen. So, so, Weltmeister also. Das sagt der Trainer der Mannschaft, die nach dem Titelgewinn 2014 zweimal bereits in der Vorrunde gescheitert ist? Nun, dafür kann Nagelsmann nichts, dafür kann auch ein Großteil der Mannschaft nichts. Für viele ist es das erste Turnier, und sie blicken genauso voller Vorfreude darauf, wie wir es tun sollten.

Der letzte Tanz der Oldies Team

Messi oder Team Ronaldo? Es ist seit weit mehr als einem Jahrzehnt die weltweite Glaubensfrage unter den Fußballfans: Wer ist der Beste? Auf der einen Seite der argentinische Dribbler Lionel Messi, der mit spielerischer Leichtigkeit vor allem mit seinem Ex- Klub FC Barcelona alle denkbaren Pokale gewonnen hat. Auf der anderen der Portugiese Cristiano Ronaldo, der ebenfalls mit viel Talent gesegnet ist, es aber auch mit eiserner Disziplin und Willenskraft an der Weltspitze hält. Doch auch die Zeit von Messi, unglaubliche achtmal zum Weltfußballer des Jahres gewählt, und Ronaldo, auch fünfmal zum besten Kicker des Planeten gewählt, ist endlich. Messi ist 38, Ronaldo gar 41 – doch zum Tanztee sind die beiden nicht verabredet; sie brennen vor Ehrgeiz und wollen es allen bei ihrem vermutlich letzten Turnier noch einmal zeigen. Und nicht nur die; auch der polnische Torjäger Robert Lewandowski (37), der belgische Spielmacher Kevin De Bruyne (34), der kroatische Mittelfeld-Stratege Luka Modric (40) und der niederländische Abwehr-Chef Virgil van Dijk (34) wollen es noch mal wissen – und zwar auf Weltklasse-Niveau.

Das größte Teilnehmerfeld aller Zeiten

Natürlich ist die Kritik daran, dass das Niveau einer WM unter dem immer größer werdenden Teilnehmerfeld leidet, nicht von der Hand zu weisen. Erstmals treten 48 Mannschaften beim Turnier an; bei 12 Vorrundengruppen à vier Nationen kann man schon mal den Überblick verlieren; und wirkliche Spannung könnte erst in den K.-o.-Spielen aufkommen. Aber viele Teilnehmer bedeutet auch: viele Exoten. Einige Länder, wie zum Beispiel Jordanien, Kap Verde, Usbekistan und der deutsche Vorrunden-Gegner Curaçao sind zum ersten Mal dabei. Und oft sind es diese Länder, die für die Farbtupfer und besonderen Geschichten sorgen. So, wie es in der Vergangenheit schon Nationen wie Kamerun, Nigeria oder Norwegen geschafft haben. Bei der zurückliegenden WM 2022 sorgte Saudi- Arabien für eine Sensation, als sie den späteren Weltmeister Argentinien 2:1 geschlagen haben.

Einmal um die halbe Welt

Bei der letzten, sehr kompakten WM in Katar lag zwischen den beiden am entferntesten gelegenen Stadien gerade einmal eine Distanz von 55 Kilometern. Bei der diesjährigen WM, die in den USA, Mexiko und Kanada gespielt wird, sind es rund 4.500 Kilometer, die zwischen dem kanadischen Vancouver und Mexiko City liegen.

Das Turnier der Rekordjäger

Lionel Messi war bei der WM 2006 in Deutschland gerade einmal 18 Jahre alt, als er in der Vorrunde für Argentinien eingewechselt wurde und sein WM-Debüt gab. In diesem Jahr wird er seine sechste WM spielen – das hat vor ihm noch niemand geschafft. Auch die 26 WM-Spiele, in denen er auf dem Platz stand, sind unerreicht und können noch ausgebaut werden. Kylian Mbappé ist ebenfalls auf Rekordjagd: Der Angreifer hat bereits zwölf WM-Tore erzielt; der beste Torschütze aller Zeiten, Miroslav Klose, 16! Zeit, hier auf Platz 1 zu klettern, hätte Mbappé noch – der Franzose ist erst 27 Jahre alt und wird voraussichtlich noch zwei bis drei Turniere spielen.

Der Borussia-Touch

So wie es aussieht, wird Julian Nagelsmann darauf verzichten, einen Borussia-Spieler ins Aufgebot der DFB-Elf zu berufen. Schade, denn Torwart Moritz Nicolas spielt eine tolle Saison für die Mönchengladbacher. Aber dennoch ist mit einigen Gladbachern zu rechnen. So wird Jens Castrop ziemlich sicher für Südkorea dabei sein, Shuto Machino und Kota Takai für Japan und Joe Scally sowie Giovani Reyna für die USA. Schon beinahe traditionell wird auch die Schweizer Nationalmannschaft nicht ohne Borussia-Touch auskommen. Abwehrspieler Nico Elvedi ist gesetzt, die ehemaligen Fohlen Denis Zakaria, Granit Xhaka, Breel Embolo und Djibril Sow werden auch dabei sein.

Menschen, Bilder, Sensationen

Warum wir uns vor allem auf die WM freuen? Wegen der bunten Bilder von feiernden Menschen, die die Alltagssorgen mal für ein paar Wochen sausen lassen und sich eine gute Zeit machen. Wir freuen uns auf die Fans der Gastgebernationen USA, Kanada und Mexiko. Auf die Leidenschaft der Südamerikaner, auf die bunten und einfallsreichen Anhänger der neun afrikanischen Teilnehmer. Auf die reise- und sangesfreudigen Schotten, Engländer und Niederländer. Und – für uns selbst – freuen wir uns auf ein paar schöne Fußball-Abende mit Familie und Freunden im Wohnzimmer, auf der Terrasse oder beim Public Viewing.

Sven Platen