Es ist ein bisschen so, als würde man eine Zeitreise machen, wenn man den Laden von Peter Boden betritt. Die Theke mit dem Glasaufsatz, die Arbeitstische mit den flachen, breiten Schubladen, die alte Schulbank: Das alles erzählt von einer Zeit, die schon lange zurückliegt. Auch in seinem Handwerk geht der Buchbinder oft in die Vergangenheit zurück.

Natürlich ist eine Voraussetzung für seinen Beruf, dass er sein Handwerk beherrscht. Ein gewisses künstlerisches Talent schadet auch nicht. Aber eine seiner wichtigsten Fähigkeiten ist, dass er gut zuhören kann. „Jedes Buch hier hat eine Geschichte, es ist den Besitzern wichtig“, sagt der 63-Jährige. Diese Geschichten hört er sich an. Dafür muss er manchmal etwas fragen, aber oft erzählen seine Kunden von selbst. „Die Geschichte fließt immer in die Arbeit mit ein“, sagt er.

Von dem Kinderbuch von 1931, das schon so zerlesen ist und das die Kundin beim Aufräumen wieder entdeckt hat. Peter Boden schneidet sauber das Deckblatt aus und fertigt eine passende Unterlage an, auf die er das Blatt wieder aufklebt. Am Ende sieht das Buch fast wie im Original aus, als wäre es erst gestern gekauft worden. Oder das Kochbuch, das nach vielen Jahren des Gebrauchs nur noch eine Lose-Blatt-Sammlung zwischen zwei Deckeln ist. Er bringt es wieder zusammen. Genau wie die hochwertige Fotodokumentation mit Fadenbindung, von der er gerade den Einband komplett gelöst hat. „Der alte Charakter soll erhalten bleiben“, sagt Boden. Darum sind die Geschichten, die er hört, so wichtig.

Wenn seine Kunden ihr altes Buch frisch gebunden wieder in den Händen halten, kann er das Glück in ihren Gesichtern sehen. „Das ist der schönste Beruf, den man haben kann“, sagt Boden. Er hat die Werkstatt, in der die älteste Maschine 150 Jahre alt ist, von seinem Vater übernommen. Gegründet wurde die Buchbinderei und Rahmenwerkstatt in Giesenkirchen 1893 von Bodens Urgroßeltern. „Ich bin da so reingewachsen“, sagt er.

Aber er lebt es auch mit jeder Faser. Wenn er erzählt, wie er eine historische Familienbibel restauriert oder die Replik eines antiken Buches hergestellt hat, die aussieht, wie das Original, dann sieht man das Glück in seinem Gesicht. Wie er das Leder bearbeitet hat, damit es alt aussieht. Oder wenn er zeigt, wie die Siegel-Prägungen in seiner Werkstatt entstehen und die Beschläge aufgebracht werden. Gerade historische Originale zu restaurieren, erfordert Fingerspitzengefühl. „Die müssen nachher so sein, dass auch bei Auktionen gesagt wird, dass es gut gemacht ist“, sagt er und zeigt ein Buch von 1708, das er zuerst reinigen muss.

Und dann sind da noch die Kunden, die ein neues Buch wollen, das es nur einmal auf der Welt gibt. Sie suchen sich das passende Papier für die Seiten bei Boden aus. Wählen, ob es ein Leder- oder Leineneinband sein soll oder doch lieber etwas aus farbigem Papier. So entstehen dann individuelle Notiz- und Tagebücher, Fotoalben und gebundene Bachelorarbeiten in der Werkstatt. Bücher, mit denen neue Geschichten verbunden sind.

Garnet Manecke

www.boden-mg.de